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Während meinem Doktorat hatte ich das grosse Glück auf einen verständnisvollen Chef und auf Heinz Rüegger und Urs Burckhardt zu treffen. Mit diesen beiden Fahrradverrückten unternahm ich 1997 eine 7-wöchige Reise durch den indischen Himalaya. Mit Fahrrad, Zelt und Kocher bepackt fuhren wir von New Delhi hinauf in das Gebiet des Ladakh und Zanskar.
Flug nach New Delhi
Das Check-In und der Flug nach New Delhi verliefen ereignisslos. Damals gab es die verschärften Sicherheitskontrollen noch nicht, das Fliegen war unkompliziert. Der Blick aus dem Flugzeugfenster auf den Himalaya war fantastisch. Wir blickten auf schroffe Berge und tiefe Täler. "Hier wollen wir mit dem Fahrrad rüber?". Mittlerweilen war es Nacht geworden und unter uns tat sich ein Meer Lichtern auf. New Delhi so weit man sehen konnte. Doch beim Landeanflug auf den Indira Gandhi Airport fiel auf einmal in der ganzen Gegend der Strom aus. Unter uns war weit und breit kein Licht mehr zu sehen. Nach einer Extrarunde landeten wir ohne Probleme, der Flughafen war anscheinend davon nicht betroffen. Die erste Nacht in Indien verbrachten wir im klimatisierten Aufenthaltsraum im Flughafen. Vor dem Start in das Abenteuer wollten wir uns noch ein wenig Ausruhen, doch die Aufregung über die bevorstehende Reise liess uns kaum schlafen.
New Delhi nach Manali
Am nächsten Morgen ging es um 05:30 Uhr los. Wir stürzten uns mit unseren vollgepackten Fahrrädern in den indischen Linksverkehr. Rasch mussten wir lernen, dass diejenigen mit der lautesten Hupe und dem schnellsten Fahrrstil absoluten Vortritt hatten. Der erste Tag war spannend, aufregend und erschreckend zugleich. Der Verkehr ging ja noch einigermassen, doch die ersten Kilometer führten uns durch die Slums von New Delhi und bis wir uns durch Delhi durchgekämpft hatten, verging einige Stunden. Besonders die Suche nach der richtigen Strasse gestaltete sich schwierig, Wegweiser waren Mangelware und die Leute auf der Strasse gaben alle möglichen Antworten, aber selten die richtigen. Doch irgendwie fanden wir doch noch aus der Stadt hinaus nach Mondinagar. Von dort ging es bei 43°C im Schatten weiter nach Meerut, unserem ersten Halt.
Am nächsten Tag starteten wir um 05:50 Uhr morgens um noch vor der Hitze ein paar Kilometer zu machen. Als wir vor das Hotel traten, sahen wir, dass die Strasse teilweise unter Wasser stand - die nahende Regenzeit liess grüssen. Die heutige Etappe war wesentlich angenehmer als die gestrige. Die Strasse führte durch gut bestellte Felder, am Strassenrand standen grosse Bäume und spendeten Schatten. Ausserdem kam alle paar Kilometer ein Imbiss. Bald wurden gekühltes "Thumsb Up", "Bisleri", Coca und Pepsi zu unseren Begleitern. Von Zeit zu Zeit fanden wir sogar einen Wegweiser, manchmal in Hindi und in Englisch angeschrieben. Diese Schlider versicherten uns, dass wir auf dem richtigen Weg waren.
Nach einer weiteren Hotelübernachtung in Saharanpur und einem weiteren Tag in der Ebene des Uttar Pradesh kamen wir gegen Nachmittag an den Fuss der Berge des Himalaya. Doch die letzten 400 Höhenmeter bei 40°C im Schatten hinauf nach Nahan verlangten ihren Tribut. Nur knapp entkam ich einem Hitzschlag und konnte mich gerade noch unter die kalte (!) Dusche im Hotel retten. Meine beiden Kollegen kamen mit der Hitze wesentlich besser zurecht. Aber nun waren wir endlich in den Bergen, im Himachal Pradesh. Die Fahrt nach Lohan, Kufri und weiter nach Ani war wesentlich angenehmer. Die Temperaturen pendelten nun zwischen 20 und 25°C, perfekt zum Radeln. In Ani schlugen wir zum ersten Mal unser Zelt auf und schliefen sehr gut. Der Zeltplatz lag direkt neben einigen Hanfpflanzen.
Der erste Pass auf unserer Reise war der Jalori La. Start der Etappe war auf 1200 m.ü.M., der Pass lag auf 3110 m.ü.M., ein heftiger Aufstieg stand uns bevor. Doch die Gegend war traumhaft schön und liess die Strapazen des Aufstiegs vergessen. Kaum auf dem Pass angekommen wurden wir von Hagel überrascht und suchten Unterschlupf in einer Herberge. Nach einer kurzen Strärkung war das Unwetter auch schon vorbei und wir fuhren weiter nach Larji, dem Tagesziel. Dort erfuhren wir, dass die Strecke Manali - Leh vor ein paar Tage geöffnet wurde. Perfekt! Unserem Vorhaben stand also nichts im Weg. Doch zuerst mussten wir noch das Kulu Tal hinauf nach Manali fahren. In Manali herrschte ein riesen Durcheinander: es schien als gäbe es Hunderte von Hotels und Guesthouses, massenhaft Touristen und noch mehr Strassenverkäufer.
Nach über einer Woche auf dem Rad legten wir in Manali unseren ersten Ruhetag ein. Zeit ein Telefonat die Leute zu Hause anzurufen, die Vorräte aufzustocken und einen "Pepsi"-Dampfkochtopf zu kaufen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung wie wertvoll so ein Dampfkochtopf sein kann. Das Abendessen nahmen wir im Johnsons Cafe ein: Forelle aus eigener Zucht! So gestärkt waren wir bereit für die eigentliche Herausforderung der Tour - die Pässe der Manali Leh Road.
Manali Leh Road
Gleich zu Beginn der Manali Leh Road warteten 2000 Höhenmeter auf knapp 54 km auf uns. Der Rohtang La (3978 m.ü.M.), ein beliebtes Ausflugsziel der Touristen in Manali. Mir kam vor als wäre er stärker befahren als der Nufenen an einem Sonntag. Die Ausflügler waren allesamt mit schweren Pelzmänteln und Gummistiefeln ausgerüstet. Sie sahen aus wie grosse Braunbären die auf dem Schnee rumttollten. Es war ein sehr bizarres Erlebnis. Ok, um ehrlich zu sein mussten wir den Indern auch komisch vorkommen. Während sie in den braunen Mänteln rumliefen, radelten wir in kurzen Hosen und T-Shirt den Berg hoch. Die Abfahrt runter ins Lahaul-Tal gestaltete sich komplizierter und mühsamer als erwartet. Durch die Schneeschmelze querte immer wieder ein kräftiger Bach die Strasse und spülte diese teilweise weg. Die Motorfahrzeuge mussten warte, wir zogen unsere Schuhe und Strümpfe aus und trugen unsere Ausrüstung durch das Wasser. An der Strasse nach Spiti fanden wir in der Nähe von Gramphu einen geeigneten Zeltplatz. Gerade noch rechtzeitig schlugen wir unser Zelt auf, denn gleich darauf drückten die Monsunwolken über den Rohtang La und es begann zu regnen.
Die nächsten beiden Tage hatte ich ein paar Probleme mit dem Magen. Montezumas Rache gab es also auch in Indien. Doch pünktlich zum Aufstieg auf den Baralacha La (4850 m.ü.M.) war ich wieder fit. Dennoch hiess es wegen der Höhe möglichst gleichmässig in die Pedale zu treten um nicht ausser Atem zu geraten. Dennoch geriet ich so ziemlich an den Anschlag. Immer wieder war von weitem Felsabrüche zu hören. Zuerst dachte ich an Strassenarbeiten und fuhr weiter, tief in meine Gedanken versunken. Plötzlich hörte ich ein Gepolter, ziemlich in der Nähe und es wurde immer lauter. Aufgeschreckt sah ich den Hang empor und sah wie in rasantem Tempo ein Felsbrocken von der Grösse eines Ölfasses im Zick Zack auf mich zurollte. An eine Flucht mit dem vollbepackten Fahrrad war nicht zu denken, so sprang ich vom Fahrrad runter und fing an zu rennen. Ein paar Sekunden später schlug der Felsbrocken auf der Strasse ein, etwa 6 Meter von meinem Fahrrad entfernt. Das Herz schlug mir bis zum Hals als ich rasch das Fahrrad nahm und es ein paar hundert Meter aus der Gefahrenzone schob. Die nächste halbe Stunde brauchte ich um meinen Puls und Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen.
Der nächste Morgen war ziemlich kalt. Heinz mass gerade mal -3°C. Doch die die Gata Loops und die beiden Pässe Nakee La (4950 m.ü.M.), 300 Meter Lachalung La (5059 m.ü.M.) sollten uns noch gehörig einheizen. Bei beiden Pässen war Heinz zuerst oben. Während der nun schon zwei Wochen dauernden Reise hat er seine Kräfte am besten eingeteilt. Aber das war kein Problem, denn jeder von uns fuhr sein Tempo und es gab genügend Pausen um sich wieder erholen zu können. Das Nachtlager schlugen wir in Pang auf. Aber nicht in dem dortigen Militärlager, sondern bei einem Tourist Camp in der Nähe. Dort trafen wir auf ein paar Abenteurer die auf ihren Enfields über die Manali Leh Road bretterten. Sie warteten verzweifelt auf ihren Lastwagen mit der Verpflegung und den Zelten. Der aber steckte aber noch oben am Lachalung La fest. Ein Erdrutsch verhinderte, dass er weiter kam. Mit unseren Fahrrädern kamen wir ohne Probleme durch.
Die Etappe von Pang nach Rumtse sollte unsere Königsetappe werden. Auf dem Programm stand zuerst die More Plane, dann die Befahrung des zweithöchsten Pass der Welt der mit Motorfahrzeugen befahrbar ist - dem Taglang La (5359 m.ü.M.). Nur der Kardung La soll noch höher sein, wobei mit dem GPS nur gerade mal 5360 m.ü.M. gemessen wurden. Von Pang zur More Plane waren es knapp 300 Meter, die wir bald einmal hinter uns hatten. Dann kam eine rasante Fahrt über die Hochebene. Der Wind meinte es gut mit uns und schob uns kräftig voran. Der Aufstieg auf den Taglang La wurde zu einer Geduldsprobe. Im kleinsten Gang kurbelte jeder mit der ihm besten Trittfrequenz den Berg hoch. Etwas zu schnell und man kam ausser Atem und musste eine Pause einlegen. Aber es gelang. Wir konnten den zweithöchsten Pass auf unseren Fahrrädern aus eigener Kraft befahren. Die mit dem Jeep hochgekarrten Touristen und die Truckdriver konnten es kaum fassen. Normalerweise wäre ja die Abfahrt vom Berg die Belohnung für den Aufstieg. Leider nicht in diesem Fall. Die Strasse war in einem sehr schlechten Zustand und an einigen Stellen waren die Arbeiter gerade daran eine dünne Asphaltdecke zu erstellen. Dazu wurde Teer geschmolzen und auf die Strasse gegossen. Anschliessend wurden zerklopfte Steine auf die klebrige Masse geschaufelt. Unser Pech war, dass die Masse noch sehr weich war und der Teer sich in den Profilen unsere Reifen festsetzte. Doch die Gedanken an die wunderschöne More Plane liessen alles andere vergessen.
Die letzte Etappe nach Leh führte uns durch ein wunderschönes Tal hinunter nach Upshi. In diesem Tal wurde ässerst haushälterisch mit dem Wässerwasser umgegangen. Unzählige Kanäle verteilten das Wasser gleichmässig auf die Felder. Andere Kanäle, am unteren Ende der Felder angebracht, sammelten das nicht versickerte Wasser, um es auf das nächste Feld zu leiten. Das gleiche System gab es früher im Wallis, bis die Wasserwerfer kamen. Nur das es hier noch völlig intakt war und gut gepflegt wurde. Bei uns im Wallis kann man nur noch die Überreste bewundern.
In Karu angekommen machten Heinz und ich einen kurzen Abstecher zur Hemis Gompa. Dieses Kloster warted seit 1998 darauf als Weltnaturerbe aufgenommen zu werden. Ausserdem ist es für sein Festival im Juli bekannt. Leider waren wir etwas zu früh, es war gerade mal der 1. Juli. Doch die Vorbereitungen für das Festival waren schon im Gange. Auf der Weiterfahrt nach Leh kamen wir noch an weiteren Klostern wie der Tikse Gompa und Stakna Gompa vorbei. In Leh angekommen trafen wir auf einen Amerikaner, der ebenfalls mit dem Bike unterwegs war und uns den kürzesten Weg in Oriental Guesthouse zeigte. Nach 7 Tagen, 475 Kilometer und 5500 Höhenmeter war es an der Zeit wieder einmal verwöhnt zu werden.
Ruhetage in Leh
Am ersten Ruhetag in Leh gaben wir voll und ganz dem Shopping hin. Verschiedenste Edelstein, vor allem Lapislazuli in allen Schattierungen, wurden uns gezeigt. Einzeln oder eingearbeitet in Ringe und Ketten. Klar dass wir ein paar Geschenke für die daheimgebliebenen kauften. Dies sollte der teuerste Tag in Indien werden.
Der zweite Ruhetag galt der Wartung der Fahrräder. Die Räder von Heinz und Urs waren in Ordnung, doch bei meinem zeigte die Hinterradfelge einen Riss im Felgenbett!. Um die Felge zu schonen musste ich die defekte Felge ins Vorderrad umspeichen. Aus Spass liess ich die Speichen beim Ausspeichen im Sternmuster stehen. Das Muster faszinierte den Besitzer des Oriental Guesthouse derart, dass der das ausgespeichte Rad hochhob und "oh Schreck!" die Speichen zusammenfielen. Er erschrak sehr und ich konnte ihn kaum noch beruhigen. Von da an wurde ich nach Strich und Faden verwöhnt. Am Nachmittag besuchten wir noch die von japanischen Buddhisten erbaute Shanti Stupa.
Die nächsten Tage feierten wir den 42. Geburtstag von Heinz. Zusammen mit Urs überraschte ich ihn mit einer Geburtstagstorte. Damit hatte er nicht gerechnet. Noch weniger mit den Geschenken von seiner Familie, die ich seit New Delhi mit im Gepäck hatte. Ausserdem besuchten wir den Palast und das Kloster Kloster in Stoky, ca. 30 km von Leh entfernt. Den letzten Tag in Leh nutzten wir um unsere Vorräte aufzufüllen und die Kleider zu waschen.
Leh nach Padum
Weiter ging die Reise das Indus-Tal hinunter. Zum Abschied erhielten wir von der Familie des Guesthouse noch einen weissen Gebetsschal. Dieser sollte die Bergeister besänftigen und uns auf unserem weiteren Weg beschützen. Und dann gings los immer der Strasse nach Srinagar entlang. Kurz vor Nimu sahen wir wie sich das graue Wasser des Zanskar mit dem rot-braunen Wasser des Indus mischten. Ein Eindrückliches Schauspiel. Während unserer Fahrt kamen wir auch an einem Cannondale Mandir vorbei. Ich nahm das als gutes Omen, fuhr ich doch ein Fahrrad der Marke Cannondale - das Beast of East.
Es war eine Freude endlich wieder unterwegs zu sein. Auch wenn die Strasse manchmal beinahe senkrecht. den Berg hochzugehen schien und kaum noch enden wollte gab es zuoberst doch immer wieder eine Belohnung wie den Blick auf das Kloster Lamayuru, einer schönen Oase oder einen erklummenen Pass wie den Fotu La, mit 4108 m.ü.M. der höchste Punkt der Strasse Srinagar - Leh, oder dem Namika La, dem letzten Pass vor Kargil.
Unterwegs nach Kargil sahen wir viele Militärkonvois die in unsere Richtung unterwegs waren. Abgesehen von den schwarzen Abgaswolken hatten wir mit dem Militär jedoch keine Probleme. Jedoch waren diese Truppenverschiebungen wahrscheinlich bereits die ersten Vorboten des Dritten Kaschmirkriegs vom Jahr 1999. Während unser Übernachtung in Kargil erhielten wir vom Hotel Manager den Rat in der Nacht das Hotel möglichst nicht zu verlassen. Am nächsten Morgen stauten sich in ganz Kargil Lastwagen. Die Strasse nach Srinagar war wegen Demonstrationen gesperrt. Worum es ging haben wir nicht mitgekriegt und wir haben auch nicht weiter danach gefragt sondern bogen ab ins Suru Tal.
Hier kam der für mich schönste und eindrücklichste Teil der Reise. Während im Industal nur vereinzelt Oasen zu sehen waren, befanden sich in diesem Tal leuchtend grüne Felder und viele Bäume. Die Strasse war zwar weniger gut, aber kaum von Motorfahrzeugen befahren. Einzig ein Bus vollbeladen mit Schulkinder kreuzte unser Weg, dann war wieder tagelang kein Auto zu sehen. Nur kurz nach Panikhar kamen uns 3 Südtiroler auf ihren MTBs entgegen. Sie hatten die gleiche Strecke wie wir geplant, einfach in die andere Richtung, und warnten uns vor dem Shingo La. Den versuchten sie alleine mit ihren Rädern zu überqueren. Zum Glück erbarmte sich ein Trekkingführer ihrer und brachte sie mit seinen Pferden auf den Pass. Kurz nach dieser Begegnung schlugen wir unser Nachtlager auf.
Die Strecke am nächsten Tag führte uns auf den Pensi La (4530 m.ü.M.), den letzten Pass, den wir auf unseren Fahrrädern bezwangen. Beim Aufstieg konnten wir einen Blick auf den Nun erhaschen, mit seinen 7135 m.ü.M. der höchste Berg in der Region. Schon eindrücklich wenn man nochmals 3000 Höhenmeter weiter oben den Berggipfel sieht. Auf dem Pass angelangt erwartete uns ein tiefblauer See inmitten einer Edelweisswiese und ein Yak. Hier schlugen wir unser Nachtlager auf.
Die letzte Etappe vom Pensi La nach Padum verlangte nochmals alles von uns ab. Wir mussten uns durch Bäche, Sand und Schotter quälen. Dazu kam auf den letzten Kilometern noch ein fieser Gegenwind. Es schien als wollte der Himalaya auf dieser letzten Fahrradetappe nochmals zeigen was es heisst hier rumzuradeln. Doch schliesslich schaften wir es dennoch und richteten uns im Hotel Chorala ein. Hier machten wir einen Tag Pause an dem wir uns zwei Horsemen mit Pferden organisierten, die unsere Fahrräder und das Gepäck über den Shingo La transportieren sollten.
Padum - Shingo La - Kyelang
Das Beladen der Pferde dauerte ziemlich lange, so dass wir erst gegen Mittag zu unserem Trek starten konnten. Wir mit unseren Fahrrädern und leichtem Tagesgepäck vorne weg, die Horsemen mit dem restlichen Gepäck hinten nach. Geplant war es, dass wir uns auf dem Zeltplatz in Raru wieder treffen und dort unser Lager aufschlagen. Gemäss Karte sollte es auf dieser Strecke eine Strasse geben, doch war sie mit zahlreichen Felsbrocken und Erdrütschen nur knapp passierbar. An einer Stelle fehlte sie sogar komplett. Hier mussten wir unsere Räder schieben und sogar tragen, was auf dem schmalen Weg nicht unbedingt einfach war. Weit unter uns in der Schlucht sah man die tosenden Wasser des Zanskar. Bald einmal kamen wir in Raru an, mussten aber noch 4 Stunden auf unsere Horsemen warten. In der Zwischenzeit durften wir einer Horde Kinder die Räder zeigen.
Am nächsten Morgen hiess es wieder warten. Während der Nacht hatten sich die Pferde losgerissen und rannten zurück ins nächste Dorf. Wieder kamen wir erst gegen Mittag los. Wir versuchten es nochmals mit unseren Fahrrädern, doch heute war die Fahrt nach Surle ein wenig anspruchsvoll. Jeden Meter volle Konzentration und zum grossen Teil die Fahrräder schieben war ziemlich anstrengend. Das war aber definitiv der letzte Tag auf dem Fahrrad.
An nächsten Tag luden wir alles Material, inklusive Fahrräder auf die Pferde. Die Horsemen hatten ihre liebe Mühe damit die Fahrräder sicher festzuzurren. Das Problem war nicht dass das Gewicht zu schwer oder die Räder zu unhantlich waren, nein, die Pferde hatten ganz einfach Angst ob der komischen Fracht. Doch am Ende gaben sie sich ihrem Schicksal hin und warten voll beladen auf den Abmarsch. Heute trennten sich die unsere Wege. Die Horsemen folgten weiter dem Weg zum Shingo La und wir machten uns auf einen Abstecher zum Kloster Phuktal. Der Weg dorthin war gar nicht so ohne. Er schien es als müssten wir auf einer Seilbrücke den Zanskar Fluss überqueren. Doch zum Glück gab es unweit davon noch eine zweite Brücke, diese war wesentlich vertrauenswürdiger. Kaum waren wir auf der anderen Seite angelangt, war hinter uns ein lautes Grollen zu hören - eine grosse Ziegenherde von vielleicht 100 - 150 Tieren stürmte auf die Brücke zu. Es war ein sehr eindruckvolles Schauspiel. Nach diesem ersten Erlebnis begannen wir auf der linken Seite ins Tal nach Phuktal hineinzuwandern. Der Weg war ziemlich schmal und ziemlich ausgesetzt. Stellenweise führte er über Geröllfelder, ein falscher Schritt, ein Ausrutscher und man würde tief unten in der Schlucht enden.
Endlich kam das Kloster in Sicht. Wie Schwalbennester hingen die einzelnen Gebäude am Fels. Die weiss getünchten Mauern hoben sich sehr schön vom roten Fels ab. Der letzte Aufstieg zum Kloster war sehr steil, aber es lohnte sich. Wir gingen in den Gebetsraum. Längs in der Mitte des Raumes standen die Gebetstrommeln, rechts und links davon lagen Tepiche auf dem Boden, die Wände waren mit verhangenen Tankas behängt. Der Raum war extrem schön. Weiter konnten wir einen Blick in die Klosterhöhle und auf die Quelle werfen. Ein ganz spezieller Ort. Nach diesem Rundgang kosteten wir in der Klosterküche zum ersten Mal den vielbeschriebenen und berüchtigten Buttertee. Sein Geschmack erinnerte an Ziger in einer wässrigen Bouillon. War aber gar nicht schlecht. Der Weg aus dem Tal hinaus nach Purna dauerte knapp 1 Stunde und war in einem wesentlich besseren Zustand und viel breiter. In Purne stärkten wird uns mit Coca Cola (unglaublich wie weit diese Gebräu verbreitet ist), Reis und Dal bevor wir weiter nach Testa wanderten wo unsere Horsemen auf uns warteten.
Der Weg von Testa nach Kargiak führte uns relativ flach immer dem Fluss entlang. Die Landschaft bildete mit dem roten Fels und dem weissen Schnee auf den Beregen eine wunderschöne Kulisse. In Kargiak angekommen fragten wir einen Einwohner nach einem Teahouse und wurden prompt von ihm in sein Hause eingeladen. Die Chance ein echtes Zanskar Wohnhaus von Innen zu sehen liessen wir uns natürlich nicht entgehen. Durch ein dunkles Loch, hinter dem ein scharfer Hund wartete, ging es um viele Ecken und durch ein paar Gänge hindurch in den Wohnraum / Küche. Sofort begann der Hausherr für uns Tschai zuzubereiten. Als wir gemütlich am Teetrinken waren kam plötzlich ein Lama aus dem Kloster Phuktal vorbei und gesellte sich zu uns. Die Konversation wurde mit Händen und Füssen geführt. Dennoch bekamen wir mit, dass die beiden sich über unser unrasiertes Äusseres lustig machten. Sie boten uns sogar ihre Pinzetten an um uns zu rasieren - die Zanskari zupfen ihre Barthaare. Wir lehnten dankend ab.
Nach einer Nacht in Kargiak wanderten wir weiter in Richtung Shingo La. Dabei orientierten wir uns an einem riesigen Berg, den wir schon gestern im Blick hatten. Beim näherkommen sahen wir, dass der Berg aus einer einzigen riesigen Felswand bestand. Die mächtige Wand bestand sehr brüchigem Gestein und riesige Felsstürze lagen zu ihren Füssen. Ausserdem kam uns heute ein grosser Treck mit etwa 20 Touristen und nochmals sovielen Horsemen und Pferden entgegen. Sonst verlief der Tag ziemlich ruhig. Auch von Reinholds Messner's Yeti haben wir nichts gesehen. Obwohl wir am Wegesrand immer wieder Tierknochen und rostige Hufeise fanden - wurden hier Pferde vom Yeti gefressen? Wer weiss. Am Abend schlugen wir unser Camp etwa 4760 m.ü.M. (zum Vergleich: der Mont Blanc hat 4810 m.ü.M.!) knapp unterhalb des Shingo La auf. So hoch oben hatten wir bisher noch nicht gezeltet. Sogar das Kochen war noch möglich, dem Dampfkochtopf den wir in Manali gekauft hatte sei Dank. Ohne diesen Dampfkochtopf mit seinem Druckventil würde das Wasser gerade mal 80 - 85°C erreichen. Was die Kochzeit von Reis oder Spaghettis extrem verlängern würde.
An diesem Morgen machten sich Heinz und Urs bereits um 06:10 Uhr auf. Da beide nur ihre Fahrradschuhe mit auf die Reise genommen haben war der Schnee ein wenig das Problem. Mit dem frühen Start wollten sie das Wandern im aufgeweichten Schnee vermeiden. Ich war in der komfortablen Lage die hohen Bergschuhe mit mir haben. Daher blieb ich im Lager zurück und machte mich nach einem Tee daran das Zelt abzubauen und das Material für das beladen der Pferde vorzubereiten. Unsere Horsemen waren mittlerweilen auch wach und luden mich zu frisch gebackenen Chapatis und gesalzenem Tee ein. Eine nette Geste. Dafür half ich ihnen beim Aufladen des Gepäcks. Anschliessend machte ich mich daran Heinz und Urs einzuholen. Ich traf sie oben auf dem Shingo La in 5120 m Höhe wieder. Oben auf dem Pass warteten wir auf die Horsemen. Der Aufstieg auf den Pass war eine Sache, der Abstieg vom Pass sollte etwas mühsamer werden. Immer wieder musste die Ladung kontrolliert und wieder festgezurrt werden. Beim Abstieg kreuzten wir einen Treck von etwa 20 Belgiern. Während wir durch unseren 5 wöchigen Aufenthalt in der Höhe aklimatisiert waren hatten wir mit dem Atmen keine Probleme. Ganz anders sah es bei den Belgiern aus. Nach Atem ringend krochen sie den Berg hinauf. Einer von ihnen war sogar an Händen und Füssen auf einem Pferd festgebunden und bekam von dem Treck nicht mehr viel mit. Am Abend entdeckte Heinz, dass sich seine Fahrradschuhe langsam aber sicher in ihre Bestandteile auflösten. Unser Nachtlager für diese Nacht schlugen wir auf 3980 m.ü.M. in der Nähe von Yangdo Sumo auf.
Nach einer ruhigen Nacht wurden wir am Morgen von unseren Horsemen überrascht. Bereits um halb Sieben Uhr morgens hatten sie ihre Pferde zusammen und ihr Zelt abgebrochen. Rasch packten wir ebenfalls unser Material zusammen und machten uns auf den Weg. Dann sahen wir den Grund für den hastigen Aufbruch. Unten im Tal sahen wir eine sehr abenteuerliche Brücke, die über einen reissenden, breiten Gebirgsfluss führte. Auf der anderen Seite des Flusses war bereits ein Treck mit Belgiern und Franzosen daran die Brücke zu überqueren, was alles andere als einfach war. Zuerst mussten die Horsemen die Brücke die Lücken in der Brücke mit Steinplatten abdecken. Sonst würden die Pferde scheuen und sich weigern übers Wasser zu gehen. Dann waren wir an der Reihe. Zuerst mussten wir das Gepäck und die Fahrräder auf die andere Seite tragen. Dann kamen die Pferde dran. Die restliche Strecke nach Darcha glich dann einem gemütlichen Spaziergang. In Darcha angekommen machte ich es mir erst einmal im Restaurant gemütlich und liess es mir gut gehen. Bald einmal kamen auch Heinz und Urs an. Drei Stunden später waren unsere Horsemen ebenfalls in Darcha. Wir luden unser Gepäck ab, machten eine kurze Kontrolle und gaben dann dem Führer den restlichen Sold für den Treck. Kaum hatte er das Geld in der Hand schritt er schnurstracks in die nächste Beiz und kaufte sich eine Flasche pakistanischen Fusel. Dannach haben wir ihn nur noch besoffen gesehen. Auf dem Zeltplatz trafen wir noch ein österreichisches Pärchen - Karin Jöhrer und Stefan Waldhof. Die beiden waren bereits seit 10 Monaten unterwegs. In dieser Zeit hatten die beiden praktisch ganz Asien bereist. Verglichen mit denen hatten wir nur einen kleinen Hupfer gemacht. Da sie mit ihrem Material ziemlich am Ende waren und wir mit unserer Reise gaben wir ihnen unser Reservematerial ab. Gangkabel, Schläuche, Velopumpe, Nahrungsmittel wie Bouillonwürfel und Salz wurden von ihnen dankbar entgegengenommen. Während dem gemeinsamen Nachtessen in der Imbissbude wurde noch über alles Mögliche gequatscht bevor wir in unsere Zelte verschwanden.
Am nächsten Morgen starteten wir zu unserer letzten Etappe auf dem Fahrrad. Doch zuvor kauften uns Karin und Stefan noch den Dampfkochtopf ab, der uns so gute Dienste geleistet hatte. Dann fuhren wir in Richtung Kyelang. Unterwegs trafen wir noch auf die 3 Tiroler, dene wir im Zanskar begegnet waren. Sie hatte ihre Runde ebenfalls beendet und machen sich auf den Weg zurück nach Manali. Kurz vor Kyelang machte sich mein Gepäckträckträger selbstständig. Die Belastung auf dem Rücken der Pferde auf das Fahrrad war doch grösser als angenommen. In Kyelang angekommen quartierten wir uns in einem Hotel ein.
Kyelang - Manali - New Delhi
Kurz bevor wir in Kyelang in den Bus stiegen trafen wir noch auf 3 indische Tourenradfahrer. Sie waren in Mumbai gestartet und mussten einen Monat im Monsun rumfahren. Doch ihre Moral war ausgezeichnet. Sie gaben an Pilger zu sein und waren unterwegs zu einem Kloster, dass nur einen Monat im Jahr geöffnet hat. Anschliessend wollten sie weiter nach Srinagar. Dann bestiegen wir den Bus und starteten in Richtung Manali. Was für eine Fahrt! 6 Stunden über holprige Staubpisten in einem ungefederten Bus. Doch irgendwie kamen wir heil in Manali an, sogar unsere Fahrräder waren noch auf dem Dach an ihrem Platz.
In Manali quartierten wir uns im Paramount Hotel ein. Während der nächsten 3 Tage liessen wir es uns dort gut gehen, bevor wir die 17 stündige Busreise nach New Delhi antraten. Es war schon ein kleiner Schock wieder mitten in der Zivilisation zu sein. Auf dem Markt gab es Früchte und frisches Gemüse im Überfluss. Massenhaft Restaurants und Gaststätten luden auf Reklametafeln zum Verweilen ein.
Agra
Von New Delhi aus machten wir noch einen Ausflug zum Red Fort und Taj Mahal. Dann war diesen Abenteuer leider auch schon zu Ende. 7 Wochen Fahrradfahren und Wandern im indischen Himalaya - ein unvergessliches Erlebniss. Noch jetzt, 13 Jahre später, erinnere ich mich beim Schreiben an viele kleine Details und Eindrücke die ich während der Reise erlebt habe.
Flug nach Zürich
Der Flug nach Hause verlief ohne Probleme. Am Flughafen in New Delhi wurden die Fahrräder vor unseren Augen extra sorgfältig verpackt und im Flugzeug wurden wir von der Stewardess verwöhnt. Einzig beim Umsteigen in Amsterdam gab es eine kleine Schrecksekunde als wir an den Drogenhunden vorbei mussten. Doch auf unser 7-wöchiges "eau indienne" haben diese nicht reagiert.
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